Franziskus Abgottspon | sprechprodukte

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Bern Ober­län­der & Thuner Tagblatt 26. Mai 2008 Sandro Pfam­mat­ter

Spie­zer Schloss­kon­zert: «WOLLUST UND WOHL­KLANG»

Lust erle­ben, in Spiel und Text

Das 7. Spie­zer Schloss­kon­zert warte­te mit Kultur der frivo­len Art auf. Chris­tian Hostett­ler und Fran­zis­kus Abgotts­pon erfreu­ten die Zuschau­er mit dem wohl ältes­ten Thema der Mensch­heit: Lust und Liebes­tau­mel. «Seit jeher versucht der Mensch, die Lust in Worte zu fassen und zu beschrei­ben», so der Programm­text zum Konzert «Wollust und Wohl­klang». Die Möglich­kei­ten dazu sind heute gren­zen­los, und die Bilder­flut ist entspre­chend endlos. Wenn. Wieder einmal ein Sham­poo im Fern­se­hen mit nack­ten Tatsa­chen bewor­ben wird, scheint klar: Dem beweg­ten Bild gehört die Lust. Das war jedoch nicht immer so.

Dicht­kunst und Lauten­spiel

Ein Dich­ter auf einem Markt­platz, die Laute in der Hand und «unan­stän­di­ge» Texte im Kopf. Um ihn steht eine Menschen­trau­be, die mal mit Geläch­ter und mal mit Pfif­fen kund­tut, was sie vom darge­bo­te­nen Schau­spiel hält. So etwa wurde das Thema Lust im 16. und 17. Jahr­hun­dert darge­bo­ten. Ähnlich sieht das Bild aus, wenn Fran­zis­kus Abgotts­pon (Text) und Chris­tian Hostett­ler (Liuto forte) in der Spie­zer Schloss­kir­che auftre­ten. Abgotts­pon war bis 2001 als «Leiter Hörspiel und Unter­hal­tung» bei Radio DRS tätig, ‘Hostett­ler arbei­tet neben seiner Konzert­tä­tig­keit in der lnfor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie. Sein Instru­ment ist der mittel­al­ter­li­chen Laute nach­emp­fun­den, klingt jedoch viel kräf­ti­ger und farbi­ger. «Liuto forte» nennt sich das 00 Gramm schwe­re Tonwun­der.

Jung­fern und Mönch­lein

Mit schie­rer Lust und stupen­der Finger­fer­tig­keit präsen­tier­te das Duo frivo­le Texte zur Lauten­mu­sik von Silvi­us Leopold Weiss. Von Poeten wie Paul Fleming (1609-1640) oder Johann Fried­rich Riede­rer (1678-1743) stamm­ten die vorge­le­se­nen Passa­gen. Die Jahr­zah­len verfüh­ren zum Schluss, dass da nicht sehr viel Aktua­li­tät drin stecken kann. Das Gegen­teil war der Fall. Gewiss, Jung­fern­schaft bis ins hohe Alter dürf­te heute weni­ger ein Thema sein - doch die ande­ren Episo­den waren damals packend und sind es heute noch. Eine junge Frau, die ihre Mutter zur Sexua­li­tät befragt, eine Zufalls­be­geg­nung, die zur Ehe führt, ein Mönch­lein, das sein Zöli­bat bricht.., das sind Geschich­ten, die das Leben schrieb.

Chris­tian Hostett­ler zupf­te, strei­chel­te, massier­te und zähm­te sein Instru­ment, bis der Funken aufs Publi­kum über­sprang. Da wurde nicht gespielt und erzählt, da wurde genos­sen und gedich­tet, gelit­ten und gelebt.

Kunst­vol­les Küssen

Selbst die Praxis der Liebes­kunst kam bei aller Poesie nicht zu kurz - zum Beispiel in der knap­pen Anlei­tung zum genuss­vol­len Kusse: «Nicht zu lang­sam, nicht zu schnel­le, nicht ohne Unter­schied der Stel­le».

Fran­zis­kus Abgotts­pon mach­te dem Klischee vom unter­halt­sa­men Walli­ser alle Ehre. Mal flüs­ternd, mal donnernd trug seine volle Stim­me, die alten Weisen bis in die hinters­ten Ritzen der Spie­zer Schloss­kir­che. «Alles, was unse­re Geis­ter freut, entspringt aus Gegen­wär­tig­keit» - soviel zu Lust und Liebes­s­piel. Und was das illus­t­re Künst­ler­duo angeht: Ihre Gegen­wart soll­te man sich nicht entge­hen lassen.