Franziskus Abgottspon | sprechprodukte

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Kurt-Emil Merki im TAGES­AN­ZEI­GER 29.03.2001

Der gezähm­te Wilde aus den Bergen

(...) Fran­zis­kus Abgotts­pon - ein Mann, der aussieht wie er heisst, der heisst wie er tönt, und der tönt wie er aussieht. So ist die Erin­ne­rung. Sie reicht zurück in eine Nacht, in der ein Sams­tag zum Sonn­tag wurde. Da sass, vor reich­lich 15 Jahren, ein Fetzen von einem Mann mutter­see­len­al­lein im mitter­nächt­li­chen Radio­stu­dio Zürich. Nur ein schwa­cher Licht­schein fiel auf die Gestalt, die am Mikro­fon Spra­che und Stim­me zu einem radio­fo­nen Feuer­werk vermeng­te. Die Sendung hiess "Zwei­tags­flie­ge" und der Flie­gen­fän­ger trug - eben - den Namen Abgotts­pon. Zwar konn­te niemand diesen Radio­men­schen sehen, aber wer ihn draus­sen am Radio­ap­pa­rat hörte, stell­te ihn sich ganz ohne Zwei­fel heftig fuch­telnd und gesti­ku­lie­rend vor. Völlig zu Recht.

Wild und wider­bors­tig

Keiner hat am Radio den Walli­ser­dia­lekt inbrüns­ti­ger gepflegt, und kaum einer im Radio­stu­dio kam dermas­sen wild und wider­bors­tig daher wie er. Die Haare stan­den oft himmel­wärts, im Gesicht wucher­ten Schnauz und Bart. Ein "Wuider" aus den Bergen, wie ihn etwa ein Georg Rings­gwandl besun­gen haben könn­te. Ja, Abgotts­pon war ein von Wörtern Beses­se­ner, ein stimm­ge­wal­ti­ger Berser­ker. Er war es, aber er ist es nicht mehr. Der Mann ist sanft gewor­den, mode­rat und beina­he leise; diese wuch­ti­ge, fast schon lärmi­ge Einheit von Namen, Erschei­nung und Ausdruck gibt es nicht mehr. (...) Die Spra­che hat es ihm nicht verschla­gen, aber die Stim­me ist nicht mehr laut. Das viel­leicht Wich­tigs­te: "Ich habe gelernt, im Beruf Nein zu sagen."

Schau­spiel­haus-Schau­spie­ler

Zum Radio fand Fran­zis­kus Abgotts­pon im Jahre 1979. 1941 in Visp zur Welt gekom­men, absol­vier­te er nicht etwa - wie so mancher Ober­wal­li­ser, der später in Wirt­schaft, Poli­tik oder in den Medien Karrie­re machen soll­te - das Kolle­gi­um Spiri­tus Sanc­tus in Brig. Nein, Abgotts­pon mach­te seine Matu­ra in der Stifts­schu­le Einsie­deln. Obwohl auch vier ledi­ge Tanten zur Gross­fa­mi­lie gehör­ten, habe der Vater es so ange­ord­net, sagt der Radio­mann. "Er woll­te, dass zu mir geschaut wird." Vater und Mutter führ­ten im Wallis einen Gemischt­wa­ren­la­den und ein Restau­rant. (...)

Nach der Matur begann Abgotts­pon in Zürich Germa­nis­tik zu studie­ren. Viel wich­ti­ger war ihm indes der Schau­spiel- und Sprech­un­ter­richt bei Margit von Tolnai und Erwin Kohlund. Hier, wo auch ein Peter Brogle oder eine Maria Becker zu Mimen von Format geformt wurden, erwarb Abgotts­pon das Rüst­zeug, das ihn später befä­hig­te, Mitglied des Schau­spiel­haus-Ensem­bles zu werden. Das war in den Jahren 1971 bis 1973, der Direk­tor hiess Harry Buck­witz, und Abgotts­pon sagt über jene Jahre bloss: "Ich konn­te keine schö­nen Rollen spie­len."

Fort­an lebte der Walli­ser als frei­er Schau­spie­ler wieder im Wallis. Er begann zu insze­nie­ren, Regie zu führen, arbei­te­te als Spre­cher fürs Radio. Und wurde Vater von zwei Töch­tern. 1979 stiess er als Drama­turg und Regis­seur zur Hörspie­l­ab­tei­lung im Radio­stu­dio Zürich. Abgotts­pon war für diese Stel­le der Favo­rit von Hörspiel­chef Hans Jedlitsch­ka gewe­sen; er verehrt ihn noch heute. "Jedlitsch­ka war ein Ermög­li­cher und kein Verhin­de­rer. Das habe ich von ihm über­nom­men." Abgotts­pon wurde 1986 Jedlitsch­kas Nach­fol­ger als Zürcher Hörspiel­chef, 1991 wurde er zum Leiter Drama­tik und Featu­re DRS 1 ernannt, seit 1995 ist er Leiter Hörspiel und Unter­hal­tung DRS 1. (...)

Aufge­bahr­te Scheuss­lich­keit

Abgotts­pon ist zwar auch für Unter­hal­ten­des wie "Spass­par­tout", "Kaktus" oder die Kaba­rett­sen­dun­gen vom Sams­tag­mit­tag zustän­dig. Ruf und Renom­mee besitzt aber vor allem die Hörspie­l­ab­tei­lung. Wer das Radio­stu­dio Zürich betritt, bemerkt schon beim Eingang eine aufge­bahr­te gold­far­be­ne Scheuss­lich­keit. Sie ist ein Werk von Rolf Knie und markiert das Gewin­nen des Prix Walo. Fran­zis­kus Abgotts­pon versucht gar nicht erst den Eindruck zu erwe­cken, dass ihm diese Prämie die liebs­te sei. Wäre auch sonder­bar, sind Produk­tio­nen aus seiner Abtei­lung doch mehr­mals mit den wich­tigs­ten und rele­van­tes­ten Bran­chen­prei­sen des In- und Auslan­des ausge­zeich­net worden. Auf diese Aner­ken­nung ist er stolz. Eben­so stolz aber ist er, dass er dazu beitra­gen konn­te, dass die Bedeu­tung des Hörspiels in der Deutsch­schweiz so gut wie unbe­strit­ten ist. (...)

Neue Kund­schaft

(...) Abgotts­pon hat eine ganze Reihe neuer, junger Krea­ti­ver zum Zuge kommen lassen, und er hat Schrift­stel­ler, die mit Hörspie­len keine Erfah­rung hatten, ermun­tert, sich in dieser Spar­te zu versu­chen. Er hat neue Wege gesucht, Hörer und Spiel zusam­men­zu­brin­gen. So wurden etwa die Laut­spre­cher des Zürcher Trams zur Verbrei­tung von Kürzest­hör­spie­len benützt. Oder die Zuhö­rer wurden an Origi­nal­schau­plät­ze zu Origi­na­le­mis­sio­nen einge­la­den.

Geord­ne­te Verhält­nis­se

Um die Zukunft des Hörspiels ist es dem Chef nicht bang. Er ist über­zeugt, dass die haar­sträu­ben­den Fälle von Privat­de­tek­tiv Mallony über DRS 3 neue Hörer­schich­ten erschlos­sen haben. Zudem pflegt seine Abtei­lung mit beson­de­rem Enthu­si­as­mus die jüngs­ten Konsu­men­tin­nen und Konsu­men­ten: "Wir reali­sie­ren die Kinder­hör­spie­le genau­so profes­sio­nell und enga­giert wie jene für Erwach­se­ne." So wächst neue Kund­schaft heran. (...)

Auch die eige­ne Zukunft scheint gere­gelt. Fran­zis­kus Abgotts­pon wird Ende Dezem­ber 60 Jahre alt. Er macht von der Möglich­keit Gebrauch, auf diesen Zeit­punkt in den Ruhe­stand zu treten. (...)

Dane­ben aber will er sich als Frei­schaf­fen­der kombi­nier­ten Text-/Musik­pro­jek­ten widmen, zum Beispiel mit den (...) sCHpil­lit. Und er freut sich, künf­tig aller Gattung Inter­es­sier­ten das weiter­ge­ben zu können, was er einst von Erwin Kohlund und Margit von Tolnai gelernt hat: hörba­ren Spass an gestal­te­ter Spra­che, mitreis­sen­des Vergnü­gen an intel­li­gent gebrauch­ter Stim­me.

 
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